Über LiveSocks
Anmerkungen von
Dr. Christoph Kivelitz,
Künstlerischer Leiter des Dortmunder
Kunstvereins,
anlässlich der Ausstellung "LiveSocks - Touristenversteck"
im Dortmunder Kunstverein Juni/Junli2005
Socken sind Dinge, die dem alltäglichen Leben zuzuordnen sind. Als Unterwäsche gehören sie in den Bereich der „Miederwaren“. Damit kann eigentlich kaum – wenn überhaupt im Sommer zu weniger offiziellen Anlässen – auf sie verzichtet werden. Sie stehen für eine Intimsphäre und werden nicht unbedingt gerne in der Öffentlichkeit zur Schau gestellt. Das hängt natürlich auch damit zusammen, dass Socken recht schnell Spuren der Abnutzung zeigen und durch Löcher bisweilen eher unschöne Körperpartien sichtbar werden lassen. Die optische verbindet sich mit einer geruchlichen Aufdringlichkeit. Dieser Unannehmlichkeiten zum Trotz sind Socken ein beliebtes Geschenk für den Mann. Dieser wählt für die Frau da schon eher seidene Strümpfe, um seinen eigenen sexuellen Fantasien entgegenzukommen. Als Relikt gewinnt der Strumpf oftmals auch die Qualität eines Fetischs.
Socken erlauben immer auch bestimmte Typisierungen. Der tennis-besockte Sandalengänger steht für Spießigkeit und Geschmacklosigkeit. Die schwarze Business-Socke symbolisiert professionelle Dezenz und gehobenen Stil, die weiße Arztsocke Hygiene und absolute Vertrauenswürdigkeit. Die Ringelsocke evoziert Pippi Langstrumpf und mit dieser die provozierende Haltung eines gesellschaftlichen Außenseiters. Als Zeichen der Öko-Bewegung sind monströse Socken, meist selbst gestrickt, in aufdringlichen Farbgebungen zu verstehen.
LiveSocks machen sich also ein Attribut zu Eigen, das nicht nur etwas über den Geschmack des jeweiligen Trägers verrät, sondern auf jeden Fall auch eine gesellschaftliche Codierung in sich birgt. Till Nachtmann und Stefan Silies, die sich hinter LiveSocks verbergen oder gemeinsam mit diesen agieren, arbeiten mit Mitteln der Parodie und der Satire. In Filmen und Rauminstallationen schaffen die beiden Künstler eine Gegenwelt, die als Zerrbild die soziale Wirklichkeit widerspiegelt. Mit einfachsten Mitteln – aus Socken, Textilien, Fundstücken und allen möglichen Requisiten – formen sie als Teatrum mundi einen grotesken Reigen der unterschiedlichsten Charaktere, die als Handpuppen animiert, durch Sprache und begleitende Musik in szenische Kontexte eingebracht werden. Um sich in unsere gelebte Wirklichkeit zu infiltrieren, nutzen sie die Formate der Massenmedien, die Tagesschau, Lifestyle-Reportagen und Casting-Shows. In die vertrauten Inszenierungen dringen sie plötzlich und unerwartet ein, um das Geschehen zu kommentieren, durch unerwartete Reaktionen zu verfremden und allmählich grotesk zu verzeichnen.
In ihrer subversiven Methode, sich eine bestehende kommunikative Struktur zunutze zu machen, deren Wirkungsweisen nachzuvollziehen und dann gegen sich selbst zu richten, stehen LiveSocks dem Aktionskünstler Christoph Schlingensief durchaus nahe. Mit seiner Live-Show FREAKSTARS 3000 startete dieser etwa im April 2002 ein TV-Projekt, das geistig und körperlich Behinderte bewusst in den kreativen Prozess des Fernsehmachens einbeziehen sollte. Die sechsteilige Reihe bescherte dem Jugend- und Musiksender Viva Traumquoten und löste eine Debatte um die Alltäglichkeit und überhaupt den Begriff der „Behinderung“ aus. Angelehnt an Casting-Shows wie Deutschland sucht den Superstar oder Popstars, in denen selbsternannte Tanztrainer und Psychotherapeuten Laiensänger in Retortenbands wie etwa die No Angels oder Bro’Sis verwandelten, zieht sich das Casting für die Band Mutter sucht Schrauben als Zerr- und Gegenbild eines solchen Selektionsprozesses durch alle Freakstars-Folgen. Vom ersten Vorsingen bis hin zum Premierenauftritt demonstriert Schlingensief die Mechanismen der Casting-Shows, um diese ad absurdum zu führen.
LiveSocks greifen jedoch über die Massenmedien hinaus, indem sie deren Strukturen mit übergreifenden kulturellen Deutungsmustern verknüpfen. Der Film Solar Death Socks zeigt beispielsweise eine Sockenfigur, die mit glühenden Augen das Gedicht Le Mort Joyeux von Charles Baudelaire rezitiert. Auf groteske Weise artikuliert sich hier eine Todessehnsucht als Metapher für das Streben, die Endlichkeit des Irdischen im künstlerischen Schaffen zu transzendieren. Während die Socke ihre Ode an die augen- und ohrenlosen Würmer schwülstig vorträgt, werden die Sonnenstrahlen auf einem Parabolspiegel gebündelt, um auf sie zurückzufallen, sie anzusengen und schließlich sogar in Flammen aufgehen zu lassen.
Das im Gedicht vorgetragene Sehnsuchtsmotiv scheint sich in der Vernichtung der Gestalt zu Asche zu vollenden.Schon die Dichter des Symbolismus waren Schöpfer artifizieller Welten, die keiner Landkarte der Wirklichkeit eingezeichnet sind. Gegenstand der Fleurs du mal von Charles Baudelaire ist zwar die Großstadt mit all ihren hässlichen Seiten. Der Dichter zeigt in seinem Werk auf, dass selbst das Scheußlichste und Profanste durch die Kraft der Kunst als schön erfahren werden kann. Doch gleichzeitig thematisiert er die Feindschaft und das Unverständnis zwischen Dichtung und Gesellschaft, um in einem elitären Gestus das Vergnügen als Lebensprinzip zu erwählen. Mit der Nützlichkeit verdammte er einen Eckpfeiler humanitärer Gesellschaftsordnung. Die Unterwerfung unter das Programm der modernen Industriegesellschaft empfand er als etwas Abstoßendes. Baudelaire wollte kein nützlicher Mensch sein, er hat sich gegen das Prinzip der Zweckmäßigkeit aufgelehnt.
Auch LiveSocks dringen bis in den Kernbereich unserer mediatisierten Wirklichkeit vor, um diese in ihren Wirkungsweisen zu ergründen und in eine künstliche Welt zu verwandeln. Sie verfolgen beharrlich das Ziel, die im TV-Alltag in nüchterner Objektivität dargelegten Fakten ein wenig weiter zu spinnen und hiermit deren Sinnlosigkeit zu präsentieren. Wie harmlose Parasiten machen LiveSocks sich das Vokabular und die Versatzstücke ihres jeweiligen Szenarios zu Eigen. Sie schlüpfen in die Rolle des Moderators, der fachmännisch und doch um Unterhaltsamkeit bemüht vom Weltraumzeitalter fabuliert, allerdings aus ihren Mündern klingt es unbeholfen, naiv, absurd. Die Kulisse eines Nachrichten-Studios schafft den Rahmen für Authentizität. Der Monolog einer Dauerwerbesendungsverkäuferin entpuppt sich als hilfloses Gestammel, das von der Zwecklosigkeit des feil gebotenen Produkts erzählt. Zwar selbst Produkte des künstlerischen Betriebssystems, nehmen LiveSocks doch eine Position außerhalb dieses Apparates ein, wenn sie etwa beim Besuch einer Kunstmesse deren Exponate in einem erfrischenden Banausentum auf ihre Bedeutung befragen und mimisch-gestisch nachzuempfinden suchen. Das gesellschaftliche Event des Sehens und Gesehenwerdens mutiert zur Muppet-Show menschlicher Unzulänglichkeiten.
LiveSocks besetzen immer
neue Handlungsfelder und schaffen so in immer neuen Facetten eine Gegenwirklichkeit,
die sich allmählich verselbstständigt und eine perspektivische Wende
herbeiführt. Sie schleichen sich in die Kulissen des Fernsehalltags ein,
um die Blickrichtung zu wechseln und unsere Gesellschaft – gleichsam
aus der Sicht außerirdischer Geschöpfe – in ihrer Absonderlichkeit
und Rätselhaftigkeit zu verfolgen. Nicht die Socken sind Gegenstand unserer
Betrachtung, wir selbst werden Objekt der kritischen, satirisch zugespitzten
Analyse. LiveSocks treten in einer anarchisch-liebevoll gestalteten Bilderwelt
auf. Sie betreiben eine Medienpiraterie, wie sie durch Kalkhofens Mattscheibe,
TV-Total und Hape Kerkeling populär wurde, zeigen aber nicht mit Häme
oder großspuriger Arroganz in einem Ritual öffentlicher Bloßstellung
auf die zitierten Bilder. Hier wird nicht das Prinzip des Mobbing zum Gesellschaftsspiel
erhoben. Der Vorstellung einer möglichen anderen Wirklichkeit, dem Topos
der „verkehrten Welt“ wird einfach freier Lauf gelassen. Aus dem
skurrilen Blickwinkel einarmiger Kopffüßler erscheint Bekanntes
in gänzlich neuem Licht.
© Dr. Christoph Kivelitz 2005